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Weniger Spielsachen – mehr Tiefe

Der Titel dieses Artikels steht so ziemlich im Kontrast zu allem, was derzeit unser Leben prägt. Immer mehr Angebote, immer mehr Möglichkeiten, immer neue Reize. Noch eine neue Automarke, noch eine bessere Hifi-Anlage, noch mehr Komfort in der fancy Designerküche.
Was im ersten Moment nach Freiheit klingt, hat oft einen anderen Effekt. Wenn etwas keine Mangelware in unserer Gesellschaft ist, dann ist es die Auswahl an Konsummöglichkeiten.

Warum zu viel Auswahl ein Problem ist

Durch die schier endlosen Auswahlmöglichkeiten verlieren wir schnell das Wertgefühl und unsere Aufmerksamkeitsspanne geht in Richtung Null. Social Media verstärkt das ganze noch – oder können Sie sich noch an das letzte Reel erinnern, das Sie auf Instagram gesehen haben?
Ich auch nicht.

Wer ständig zwischen Möglichkeiten springt, bleibt selten bei einer Sache hängen. Alles wirkt ersetzbar und wird dadurch weniger wertvoll.

Was das mit Kinder macht

Dieses schnelle Konsumverhalten beeinflusst vor allem Kinder. Sie wachsen gleich mit dem Gedanken auf, dass alles austauschbar ist. Wenn man mit einer Sache nicht zurecht kommt, kann man einfach etwas anderes ausprobieren. Kinder aber lernen über Wiederholung. Auch Schulen nutzen diese Methoden zur tiefen Verankerung von Wissen im Langzeitgedächtnis, und Kinder lernen nicht mehr, nur weil zehn verschiedene Sachen vor Ihnen liegen, sondern weil sie das gleiche immer wieder tun.

Und das verlockende an der Sache ist: Das menschliche Gehirn geht immer am liebsten den einfachen Weg. Warum auch nicht? Wir müssen schließlich Energie sparen.
Die ganzen digitalen Medien verstärken diesen Effekt noch.

Weniger ist mehr

Irgendwie ist dieser Spruch in den letzten Jahren zu meinem Lieblingsmotto geworden – es steckt einfach so viel Wahrheit darin. Wenn wir weniger Auswahl haben, geben wir uns mehr Mühe.

Nur ein Buch? Lesen – auch wenn die ersten hundert Seiten schwierig sind.
Nur ein Spielzeug? Spielen – auch wenn es am Anfang ungewohnt ist.
Nur eine Serie? Weitergucken – auch wenn die ersten drei Folgen zäh sind.

Wenn Menschen, insbesondere Kinder, sich intensiver mit einzelnen Dingen beschäftigen, wächst oft auch ihre Beziehung dazu. Sie werden erfinderischer, ausdauernder und aufmerksamer.

Fazit

Kinder brauchen nicht ständig etwas neues – sie brauchen Dinge, zu denen sie eine Beziehung aufbauen können. Dinge, an denen Sie wachsen können. Etwas, das nicht schon nach drei Minuten langweilig wird, nur weil daneben das nächste bunte blinkende Ding wartet – oder die nächste Spieleapp auf dem iPad.

Die Menschen waren noch nie so schlau wie heute, und alle reden ständig über Förderung, Entwicklung und Potenzial. Gleichzeitig aber stopfen wir Kinderzimmer so mit Spielsachen voll, das für Tiefe kaum noch Platz bleibt. Hauptsache viel. Hauptsache neu. Hauptsache beschäftigt. Hauptsache ruhig.
Und dann wundern wir uns, wenn Kinder ADHS entwickeln.

Weniger Spielsachen bedeuten deshalb nicht weniger Kindheit – sie bedeuten mehr Raum für Fantasie und Kreativität. Mehr Ausdauer – mehr echte Beschäftigung.

Und davon können wir dann auch im Erwachsenenalter profitieren. Denn Bescheidenheit ist eine Tugend – und die kann man kultivieren.

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