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Warum die klügsten Kinder nicht die bravsten sind

Jeder kennt ihn: den Gruppencasper aus dem Geschichtsunterricht. Niemals ruhig und immer ein unangebrachten Witz auf Lager. Dazu noch die Energie eines Marathonläufers. Alle mögen ihn – nur der Lehrer nicht. Aber das ist ja auch verständlich, schließlich klaut er allen die Show. Er hat die besondere Fähigkeit, die Gruppe für sich einzunehmen und andere zum Lachen zu bringen. Das schaffen Lehrer nur ganz selten. Kein Wunder, denn was gibt es schon zu lachen, wenn man einer Horde wildgewordener Kinder etwas über die Weimarer Republik erklären soll?

Deswegen bin ich auch kein Lehrer geworden – ich würde wahrscheinlich den ganzen Tag mit dem Schlüsselbund werfen. #AbInDieEcke!

Dass hinter diesem Verhalten oft Intelligenz und Unterforderung stecken, übersehen die meisten.

Die Schule funktioniert nach Regeln

Schule ist ein System – und Systeme brauchen Regeln, denn ohne sie können sie nicht funktionieren.

Kinder sollen ruhig sein, zuhören, ihre Aufgaben erledigen und sich melden, wenn sie etwas sagen wollen. In einer Klasse mit 25 oder 30 Schülern ist das auch verständlich. Ohne Struktur würde der Unterricht im Chaos versinken. Doch genau hier entsteht ein interessantes Problem.

Schule ist darauf ausgelegt, den Durchschnitt zu organisieren. Der Stoff wird in einem Tempo vermittelt, das für die Mehrheit der Kinder funktioniert. Für viele ist dieses Tempo genau richtig. Für einige ist es zu schnell. Und für manche ist es einfach zu langsam.

Auch der Lehrer spielt eine große Rolle. Er übernimmt im Unterricht die Rolle eines Verkäufers. Ein guter Lehrer macht aus zähen Matheaufgaben eine aufregende Unterrichtsstunde, aber der falsche Lehrer versaut sogar den abenteuerlichen Sportunterricht.

Wenn das passiert, entsteht Raum für Langeweile. Manche Kinder schauen dann aus dem Fenster, einige stecken den Kopf in den Sand und andere sorgen für Unterhaltung.
Aus Sicht des Lehrers wirkt das wie Störung, aber aus Sicht des Schülers ist es einfach nur Beschäftigung.

Kluge Kinder langweilen sich schnell

Kinder, die schnell denken, haben ein Problem, über das selten gesprochen wird: Sie sind oft unterfordert. Nicht, weil sie alles besser wissen, sondern weil sie Zusammenhänge schneller erfassen und sich deshalb langweilen.

Wenn ein Lehrer eine Aufgabe erklärt, beginnen manche Kinder gerade erst zu verstehen. Andere haben aber bereits abgeschaltet, da sie schon wissen, worum es geht.

Und was macht ein neugieriger Geist, wenn er nichts mehr zu tun hat? Genau – er sucht sich neue Reize.

Schon sind wir wieder beim alten Thema: Langeweile. Das Endergebnis ist immer das Gleiche.

Kinder, die gelangweilt sind, wirken unruhig, respektlos, können sich nicht benehmen. Doch in Wirklichkeit steckt dahinter oft genau das, was wir uns eigentlich wünschen: Neugier für was Neues.

Kreativität braucht Freiheit

Viele Menschen, die später ungewöhnliche Wege gehen, hatten in der Schule keinen Einserschnitt. Schauen Sie sich nur die großen Denker unserer Geschichte an. Einige von Ihnen haben es schulisch nicht wirklich weit gebracht. Viel zu langweilig!

Kreativität entsteht selten dort, wo alles perfekt nach Plan läuft. Sie entsteht dort, wo Menschen beginnen, Fragen zu stellen. Wo sie Dinge ausprobieren und auch mal bewusst Regeln brechen dürfen.

Ich liebe Metaphern, und in der Kunst ist doch ein anerkanntes Stilmittel, die Regeln zu brechen, oder?

Das bedeutet nicht, dass Regeln wertlos sind. Sie schaffen Orientierung, aber Fortschritt entsteht fast immer da, wo jemand den Mut hat, über sie hinauszudenken.

Viele der Menschen, die später spannende Dinge aufbauen, gründen, erfinden oder verändern, folgen selten dem geraden Weg. Vielmehr folgen sie einfach ihren eigenen Interessen. Das führt meistens zu den besten Ideen.

Und manchmal beginnt dieser Weg genau dort, wo ein Kind im Unterricht einen unpassenden Witz macht – und plötzlich eine ganze Klasse lacht.

Wenn Sie also das nächste Mal zum Elternabend eingeladen werden und vom Klassenlehrer einen Rüffel dafür erhalten, dass Maximilian Thorsten sich mal wieder daneben benommen hat, lohnt sich eine zweite Frage.

Was ist wirklich passiert?
War es Trotz, Provokation oder einfach nur Langeweile?

Nicht jede Verhaltensauffälligkeit ist ein automatisch Problem. Manchmal ist es einfach ein Zeichen dafür, dass ein Kopf gerade schneller arbeitet als der Stundenplan – und das ist eigentlich ein gutes Zeichen. Ehrlich gesagt brauchen wir nämlich nicht noch mehr Kopien da draußen.
Menschen, die uns begeistern, sind meistens höchst individuell – davon sollte es noch viel mehr geben.
Das sieht man auch täglich auf Social Media: Menschen, die wirklich auffallen, sind selten perfekt angepasst. Sie sind einfach sie selbst.

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