„Mama, ich habe nachgedacht.“
„Oh je, überlass das mit dem Denken lieber den Erwachsenen …“, entgegnet Gunther mit spürbarer Ironie.
„Komm mal her.“
Ich kam näher.
Seine rechte Hand packte blitzschnell mein linkes Ohr, einmal um 180 Grad gedreht und mit voller Kraft nach oben gezogen.
„Und jetzt ab in dein Zimmer – Schlafenszeit. Sonst gibts ein Satz warme Ohren!“
Wenn man schon in jungen Jahren viel Zeit mit sich selber verbringt, fängt man unweigerlich an, über das eigene Leben nachzudenken. Erlebte Situationen zu reflektieren und über die eigenen sowie die Verhaltensweisen der Menschen in seinem Umfeld nachzudenken.
Einen Schritt weiter geht man, wenn man nicht nur über das eigene Verhalten, sondern auch über die eigenen Gedanken reflektiert. Die Psychologie nennt das Metakognition. Richtig angewandt kann sie schon Kindern dabei helfen, ein besseres Leben zu führen.
Was Metakognition wirklich bedeutet
Metakognition klingt so sehr nach Fachbuch, deswegen will ich es anders probieren.
Über das eigene Denken zu reflektieren ist es etwas zutiefst Menschliches und im Grunde genommen tun wir das alle. Die einen bewusst – die anderen unbewusst. Aber es passiert.
Wer es bewusst tut, merkt, was er denkt, und kann deswegen darüber nachdenken, was er denkt. Das führt dazu, sich selbst bewusst zu werden, warum man so denkt.
Oder anders ausgedrückt:
Wie man tickt. Was den Charakter ausmacht. Wer man ist.
Auch Kinder sind grundsätzlich dazu fähig. Das Problem ist nur, dass sie meistens keine Zeit dafür haben, da im Außen so viel passiert. Ständig neue Eindrücke – die Welt will entdeckt werden. Und in der heutigen Zeit von Reizüberflutung durch Internet und Tablet, bleibt kaum noch Raum, sich selbstständig zu entwickeln.
Wie sich Metakognition auswirkt
Ein metakognitives Kind fragt nicht nur: „Habe ich das richtig gemacht?“, sondern auch:
- Wie bin ich überhaupt darauf gekommen?
- Was hätte ich anders machen können?
- Warum hat mich das so wütend gemacht?
Ich beobachte gerne Menschen, und dabei fällt mir häufig auf, dass viele Erwachsene nie gelernt haben, ihr eigenes Denken bzw. ihr Verhalten zu überdenken. Sie reagieren immer nur auf Situationen, statt proaktiv durchs Leben zu gehen. Das ist ein grundlegender Unterschied, denn Metakognition bei Kindern zu fördern, heißt, ihnen im Erwachsenenalter inneres Chaos zu ersparen und ein Leben nach eigenen Vorstellungen zu leben.
Wie Metakognition gezielt gefördert wird
Ein weitverbreiteter Irrtum ist, dass Kinder ständig beschäftigt werden müssten, um sich gut zu entwickeln. In Wahrheit brauchen sie aber das Gegenteil: Momente, in denen nichts von außen kommt, sondern sie in ihre eigene Welt abtauchen dürfen. Nur, wer sich mit sich selbst beschäftigt und die eigenen Gedanken in Stille ertragen kann, ist später nicht mehr abhängig von äußeren Umständen.
Ob eine Beziehung zerbricht, ein geliebter Mensch verstirbt, oder das Leben in eine Richtung geht, die man sich selbst nie ausgesucht hätte – innere Klarheit entscheidet darüber ob man zerbricht oder nicht.
Aktivitäten, die sich besonders gut eignen, um die innere Ruhe zu finden, sind meist kreativer Natur. Malen. Zeichnen. Basteln. Lego. Bauklötze.
Was dagegen von den eigenen Gedanken ablenkt, ist alles, was als äußerer Reiz defininiert wird – in erster Linie geht es hier um die Dauerbeschallung durch Smartphone, Tablet und Fernseher. Aber auch Lesen kann dazu gehören.
Eltern können diesen Prozess unbewusst blockieren, indem sie ihren Kindern ständig Sätze wie:
- Darüber solltest du dir keine Gedanken machen.
- Ist doch halb so schlimm.
- Das würdest du eh nicht verstehen.
um die Ohren werfen. Das killt Motivation und beendet den Denkprozess, bevor er überhaupt angefangen hat.
Besser wären Gegenfragen, die auf den Gedankengang des Kindes eingehen.
- Warum denkst du das?
- Wie hast du dich in dem Moment gefühlt?
- Warum glaubst du, dass dich das so beschäftigt hat?
Übrigens braucht auch nicht jede Frage sofort eine Antwort. Manchmal reicht es, sie einfach gestellt zu haben. Wenn Sie ihrem Kind Raum und Zeit geben, wird es sich schon damit beschäftigen.
Metakognition entwickelt sich nämlich nur mit der Zeit – und eben nicht unter Dauerbeschallung.
Ganz nebenbei zeigen Sie Ihrem Kind mit diesen Fragen echtes Interesse – und das wiegt mehr als alles andere.
Fazit: Denken lernen heißt, sich selbst kennenlernen
Wie alles im Leben gehört auch die Metakognition zu den Dingen, die geliebt oder gehasst werden. Wer es nicht gut mit einem meint, wird diese Menschen als Overthinker abstempeln – und ja, Kinder, die früh lernen, ihr Denken zu beobachten, gelten vielleicht hin und wieder als jemand, der immer erst alles in Frage stellen muss. Da fehlt die Spontanität!
Man wird aber auch klarer und verliert sich weniger in Emotionen.
In einer Welt, in der alles negativ ausgelegt wird, ist das eine Superkraft.
Metakognition bei Kindern zu fördern heißt nicht, sie zu kleinen Erwachsenen zu machen – es heißt, ihnen ein Werkzeug mitzugeben, mit sich selbst gut umzugehen und die eigenen Bedürfnisse zu erkennen. Ich denke, das ist die wichtigste Grundlage für ein selbsterfülltes Leben – und zwar frei von den Erwartung der Anderen.


